Post- und Telegraphenamt

Geschichte

Die ersten örtlichen Telefonnetze wurden 1881 in den größeren Städten des Deutschen Reiches eingerichtet. Zunächst kamen u.a. die Großstädte wie Berlin, Hamburg, Köln und München in den Genuss eines öffentlichen Telefonnetzes. Zwei Jahre Später wurden die Ortsnetze einzelner Städte miteinander verbunden. Im Rheinland konnte man ab 1884 von Köln in die Ortsnetze von Düsseldorf und Bonn telefonieren.

In den 1880 und 1890er Jahren setzte dann ein rasanter Ausbau des Fernsprechnetzes ein. Nicht nur das Leitungsnetz innerhalb der industriellen Ballungszentren wie dem Rhein-Maingebiet und in die Hauptstadt wurden ausgebaut, sondern auch der grenzüberschreitende Telefonverkehr. So konnte am 6.08.1900 die Verbindung zwischen Paris und Berlin eröffnet werden.

Um die einzelnen Telefonapparate miteinander verbinden zu können, bedurfte es jedoch einer Vermittlungsstelle, die die beiden Anrufer miteinander verband. Diese Vermittlung wurde von Hand hergestellt und wurde fast ausschließlich mit Frauen besetzt, da Frauenstimmen in der Regel eine höhere Frequenz hatten, die bei schlechter Leitungsqualität besser zu verstehen war.

Neuss erhielt 1856 eine eigene Telegrafenstation und 1885 ein eigenes Telefonamt. Schon im ersten Jahr nutzten 55 Betriebe und Privatpersonen die Möglichkeit und beantragten einen eigenen Telefonanschluss. Bereits 1912 hatte sich die Zahl auf 1507 Anschlüsse erhöht, von denen 2.529.050 Gespräche vermittelt wurde.

Nicht nur der sprunghaft Anstieg des Telefonverkehrs zu Beginn des 20. Jh. stellte die Post vor große Herausforderungen. Auch der Brief- und Paketverkehr nahmen in einem noch weit größeren Maße zu. Wurden 1880 in Neuss noch 1.810.908 Briefe versandt, waren es 1912 bereits 13.902.800.

Diese Entwicklung des Post- und Fernsprechwesensmachte macht schon bald eine räumliche Trennung der einzelnen Sparten und den Neubau eigener Räumlichkeiten notwendig. Von der Kaiserlichen Oberpostdirektion in Düsseldorf wurde für Neuss Ende 1913 der Neubau eines neuen Paket- und Telegraphenamtes vorgesehen.


Telegrafenamt an dem Promenadenweg. Foto: Helmut Friedrichs
(Paket-) Postamt an der Michaelstraße. Foto: Franz Josef Talbot

Der Bauantrag zum Neubau wurde am 25.Juli 1914 eingereicht. Auf dem durchgehenden Grundstück zwischen Promenadenstraße 65-71 und Michaelstraße 15-23 war ein Gebäudekomplex mit einem Telegrafen- und einem Paketpostamt vorgesehen, die durch eine Hofbebauung miteinander verbunden war. Für die Gestaltung der Fassaden sah der Düsseldorfer Architekt Carl Lammers eine Kombination von Naturstein- und Ziegelmauerwerk vor. Das dreigeschossige Telegrafenamt an der Promenadenstraße zeichnet sich durch die hohen Fenster des Vermittlungssaales im 2. Obergeschoss aus. Ein charakteristisches Merkmal aller Telegrafenämter dieser Zeit.

Die Bauarbeiten zum Telegraphenamt begannen im Mai 1915 mit dem Abbruch von drei Häusern an der Promenadenstraße und konnten 1916 abgeschlossen werden. Problematischer gestaltet sich der Bau an der Michaelstraße. Die Fassadengestaltung stieß auf heftige Bedenken der Stadtverwaltung. Unter Verweis auf die seit 1911 geltende Satzung gegen die Verunstaltung von Ortschaften wünscht sich die Stadt eine stärkere Anpassung an den Erweiterungsbau des Stadthauses der 1909/10 an der Michaelstraße erbaut worden war und an die niederrheinische Bautradition. Erst nach einer gemeinsamen Sitzung mit der Bezirksregierung Düsseldorf und nach Vorlage eines neuen Fassadenentwurfes, der das Motiv der Treppengiebel des Rathausneubaus aufnahm, wurde der Neubau Anfang 1916 genehmigt.

Als historische Reminiszenz an die Gründung der Reichspost und die Bauzeit während der 1. Weltkriegs können die beiden stilisierten Portraitbüsten des damaligen Reichskanzlers Otto von Bismarck und des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg gewertet werden, die eine Postkutsche oberhalb der Fenster im 1. Obergeschoss flankieren.

Ausschnitt der Fassade Paket- Postamt an der Michaelstraße mit den stilisierten Portraitreliefs Otto von Bismarcks und Paul von Hindenburg. In der Mitte das Relief eines reitenden Puttos mit Posthorn. Foto: Franz Josef Talbot

Insbesondere das Telegrafenamt und das Verbindunggebäude wurden im Krieg erheblich zerstört. Nach Wiederaufbau in den 1950er Jahren und der Umnutzung in jüngster Vergangenheit beherbergen die Gebäude heute Wohnungen und Büroräume.

Literatur:

  • Müller, Klaus, Rheinischer Städteatlas Neuss. Teil 1: Siedlung
  • H.-J. Kallen, Die Neußer Industrien und ihre Unternehmer…, Diss. Tübingen 1973

Karte

Telegrafenamt: Promenadenstraße 65-71
(Paket-) Postamt Michaelstraße 15- 23
41460 Neuss